Vier Soldaten stehen vor einem Güterwagon und präsentieren das Gemälde "Frau mit Hermelin".

Estreicher Gespräche / Spotkania Estreicherowskie

Über das Projekt

Im April dieses Jahres wird im Deutsch-Polnischen Haus ein experimentelles Programm mit dem Titel Estreicher Gespräche / Spotkania Estreicherowskie begonnen. Es widmet sich dem Schicksal von Kunst- und Kulturgütern in der NS-Zeit, während des Zweiten Weltkrieges und – in deren Folge – in den achtzig Jahren nach dem Krieg. Die Estreicher-Gespräche werden von erfahrenen deutschen und polnischen Provenienzforschern durchgeführt und richten sich zunächst an Fachleute aus beiden Ländern. Später werden sie auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Der Name des Projekts bezieht sich auf den polnischen Kunsthistoriker Karol Estreicher (1906–1984). Er war Initiator und Leiter des 1940 in London gegründeten Büros der polnischen Exilregierung für die Revindikation kultureller Verluste, Mitbegründer des alliierten Programms Monuments, Fine Arts and Archives (MFAA). Estreicher holte 1946 den Marienaltar von Veit Stoss (aus Nürnberg) und die Dame mit Hermelin von Leonardo da Vinci (aus dem Central Collecting Point in München), die in Krakau beschlagnahmt und ins Dritte Reich gebracht worden waren, nach Polen zurück.

Bericht zum ersten Treffen (April 2025)

Im Rahmen des experimentellen Projekts Estreicher Gespräche fand im April dieses Jahres das erste Seminar polnischer und deutscher Fachleute auf dem Gebiet der Erforschung des Schicksals von Kulturgütern statt. Es widmete sich der Bedeutung der Provenienzforschung, ihrer dynamischen Entwicklung in Deutschland und der Notwendigkeit einer direkten Zusammenarbeit in diesem Bereich zwischen Mitarbeitern/innen der Museen, Bibliotheken und Archiven beider Nachbarländer.

Gastgeber des Treffens waren Nawojka Cieślińska-Lobkowicz, Kunsthistorikerin und unabhängige  Forscherin der Wege von Kulturgütern, die während der deutschen Besatzung polnischen und jüdischen Eigentümern geraubt wurden, sowie Dr. Dariusz Kacprzak, Museumskurator, langjähriger Wissenschaftsdirektor des Nationalmuseums Stettin und Autor zahlreicher Publikationen über die verstreuten Sammlungen von Eigentümern aus Łódź und Stettin. 

An der Diskussion nahmen zwei renommierte deutsche Experten teil: Prof. Dr. Christian Fuhrmeister (Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München) und Dr. Meike Hoffmann (Institut für Kunstgeschichte, Freie Universität, Berlin). Prof. Fuhrmeister leitet ein Team, das sich mit der umfassenden Dokumentation der nationalsozialistischen Raubkunst, der Nachkriegsrestitutionen und der wissenschaftlichen Provenienzforschung befasst. Er entwickelt auch die internationale Zusammenarbeit und hält Universitätsvorlesungen und Seminare. Dr. Hoffmann leitet eine Abteilung, die sich mit der sog. „Entarteten Kunst“ befasst und Forschungsprojekte zur Rekonstruktion und Identifizierung von Sammlungen deutscher jüdischer Sammler durchführt, die infolge der nationalsozialistischen Verfolgung verstreut wurden.

Neben einer kurzen Vorstellung des Schirmherrn der Estreicher Gespräche, Karol Estreicher (1906–1984) –Leiter des 1940 gegründeten Büros für die Rückforderung von Kulturgütern der polnischen Exilregierung in London, Mitbegründer des alliierten Programms Monuments, Fine Arts and Archives (MFA&A) – wurden zwei Fallstudien vorgestellt.

Das Schicksal des Gemäldes Palasttreppe von Francesco Guardi, das während der Besatzungszeit aus dem Nationalmuseum in Warschau geraubt und aus Deutschland zurückgegeben wurde, schilderte der Entdecker seiner Herkunft, Dr. Uwe Hartmann aus Berlin, einer der erfahrensten deutschen Provenienzforscher und Leiter der Fachabteilung Kulturgutverluste im 20. Jahrhundert in Europa beim Deutschen Zentrum Kulturgutverlust in Magdeburg. Über den Breslauer Sammler Max Silberberg (1878–1942) und mehrere Werke aus seiner Sammlung, die im letzten Vierteljahrhundert in deutschen Museen identifiziert und restituiert wurden, sprach Dr. Magdalena Palica aus Wrocław, Autorin einer Monografie über jüdische Sammler in Breslau, derzeit Leiterin der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier. 

Das zweite Estreicher Gespräch, das für Juni dieses Jahres geplant ist, wird sich mit dem Raub von Kulturgütern im Dritten Reich und im besetzten Europa befassen (ihren Mechanismen, Opfern und ihrem Ausmaß) in einem Vergleich zur  Situation im besetzten Polen.

Bericht zum zweiten Treffen (Juni 2025)

Im Juni fand das zweite Treffen der Estreicher Gespräche statt. Sein Thema war der Vergleich der Mechanismen des NS-Raubes von Kulturgütern im Dritten Reich und im besetzten Europa unter besonderer Berücksichtigung der Situation in Polen.

Institutionen des Reichs und der nationalsozialistischen Partei, die sich mit organisiertem Raub befassten, das Gebiet und der Umfang ihrer Aktivitäten sowie der Kreis der Opfer, zu denen vor allem Juden gehörten, wurden von Dr. Hans Christian Löhr, dem Autor einiger wichtiger Monografien zu diesen Themen, vorgestellt.

Über die Situation im besetzten Polen  sprach Nawojka Cieślińska-Lobkowicz, Initiatorin und Mitautorin der Estreicher Gespräche,die seit vielen Jahren dazu forscht. Die institutionelle Plünderung der Sammlungen Polens – staatlicher, kirchlicher und privater – verlief mit unterschiedlicher Intensität im Generalgouvernement und in den im Reich angegliederten Gebieten, die der Germanisierung unterworfen waren. Überall jedoch wurde jüdisches Eigentum vollständig und ausnahmslos beschlagnahmt. Um die Beute konkurrierten verschiedene Organe der Sicherheitspolizei und der deutschen Zivilverwaltung.

Prof. Dr. habil. Andrzej Mężyński, Nestor der Forschung zur Geschichte polnischer Bibliotheken während der Besatzungszeit, ergänzte diesen Überblick mit Informationen über die Politik der deutschen Behörden bezüglich der Büchersammlungen. Sie wurden aus ihren Gebäuden entfernt, zerstört oder an einem Ort zusammengetragen. ImGeneralgouvernement wurde jedoch wissenschaftliche Bibliotheken ein Sonderstatus gewährt. Sie wurden in deutsche Einrichtungen umgewandelt, aber ihre Bestände und Deposita unterlagen dem Bestandsschutz und einem Ausfuhrverbot.

Die Liquidierung jüdischer Antiquariate, die Rolle der mit dem Hitler-Regime verbundenen Kunsthändler und deren Netzwerke auf dem florierenden Kunstmarkt im Reich und im besetzten Europa waren Thema des Vortrags von Prof. Dr. Meike Hopp, Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik an der Technischen Universität Berlin.

Im Rahmen von Fallstudien präsentierte Dr. Joanna Winiewicz-Wolska vom Museum des Königsschlosses auf dem Wawel in Krakau die Geschichte der bedeutenden Wiener Sammlung der polnischen Adelsfamilie Lanckoroński und Prof. Dr. habil. Ewa Syska von der Posener Adam-Mickiewicz-Universität stellte die Tätigkeit des Kaiser-Friedrich-Museum Posen vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Kunstplünderung im Warthegau vor. Jan Thomas Köhler, einer der erfahrensten deutschen Provenienzforscher, sprach über den Raub der Sammlung des bekannten jüdischen Kunsthändlers in den Niederlanden, Jacques Goudstikker, darunter ein Gemälde von Jan van Goyen, das sich im Nationalmuseum Danzig befindet.

Das dritte Treffen der Estreicher Gesprächen ist für September dieses Jahres geplant. Thema wird die Nachkriegszeit sein, insbesondere ein Vergleich der Fragen zum Eigentumsstatus von Kulturgütern in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und in der DDR sowie in Polen innerhalb der Grenzen von 1945.

Bericht zum dritten Treffen (Oktober 2025)

Am 1. Oktober fand das dritte Treffen der Estreicher Gespräche statt. Es widmete sich dem Vergleich der Nachkriegsgeschichte von Kulturgütern unterschiedlicher Herkunft und den damit verbundenen rechtlichen Lösungen – jeweils im besetzten Deutschland (1945–1949) und in beiden deutschen Staaten (1949–1990) sowie – im gleichen Zeitraum, hauptsächlich bis Ende der 1950er Jahre – in Polen innerhalb der Grenzen, die bei der Konferenz der Siegermächte in Jalta und Potsdam festgelegt wurden. Die dort beschlossene Architektur Europas, das in zwei antagonistische politische Systeme und bald darauf in zwei feindliche Blöcke geteilt war, skizzierte zu Beginn des Treffens dessen Gastgeber Dr. Dariusz Kacprzak.

Dr. Regine Dehnel von der Berliner Staatsbibliothek stellte die unterschiedliche Haltung der Alliierten in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands und der sowjetischen Behörden in der Ostzone in Bezug auf die in ihrem Gebiet aufgefundenen Güter dar. Die westlichen Alliierten, unter denen die Amerikaner die führende Rolle spielten, übernahmen den Grundsatz, identifizierte Objekte an Personen zurückzugeben, denen sie „aufgrund ihrer Rasse, Religion oder Nationalität weggenommen worden waren.“ Die Rückgabe wurde in interne und externe Restitution unterteilt. Die letztere bestand darin, die geraubten Kulturgüter an das Herkunftsland zurückzugeben, unter der Bedingung, dass sie dort ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben werden. Der Prozess der Rückgabe aus den als Collecting Points bekannten Sammelstellen wurde von Offizieren der MFA&A, den sogenannten Monuments Men, durchgeführt. Dehnel verwies dabei auf das von ihnen verfasste „Wiesbaden-Manifest“, in dem sie sich gegen die dauerhafte Ausfuhr von mehreren hundert Kunstwerken aus deutschen Museen in die Vereinigten Staaten aussprachen. In der sowjetischen Zone hingegen kam es zu einer massiven Ausfuhr von Kunstwerken und Bibliotheken aus deutschen Sammlungen in die UdSSR, die von den Trophäenbrigaden der Roten Armee durchgeführt wurde. Im Jahr 1955 übergab Moskau einen Teil dieser Werke an die DDR und verkündete, dass sie durch ihre Ausfuhr „für die Menschheit gerettet“ worden seien. Im Gegensatz zur Bundesrepublik, die zur Fortsetzung des Restitutionsprozesses verpflichtet war, wurden in der DDR nie entsprechende Vorschriften erlassen.

Die Mitorganisatorin der Estreicher Gespräche, Nawojka Cieślińska-Lobkowicz, stellte einen Überblick über die Aktivitäten polnischer Bibliothekare und Museumsmitarbeiter in den Jahren 1944–1949 auf dem Gebiet des befreiten Polens westlich der neuen Ostgrenze des Staates am Bug (Curzon-Linie) und anschließend auf den Polen zugesprochenen ehemaligen deutschen Gebieten und der Freien Stadt Danzig dar. Diese Aktion zur Suche, Sicherung und Verteilung von Buchbeständen und Kunstwerken fand unter extrem schwierigen Bedingungen statt: Krieg, Zerstörung, Armut, Repatriierung von Millionen Polen aus dem Osten und Vertreibung von Millionen Deutschen, Willkür der Roten Armee und allgegenwärtiger Schwarzmarkt bildeten ihre Rahmenbedingungen. Das Ziel dieser Aktion war es, polnische Kulturgüter zu finden, die von den Deutschen geraubt und in Niederschlesien und Pommern versteckt worden waren, aber auch Buchbestände und Kunstwerke deutscher Herkunft zu sichern – sowohl solche, die aus diesen Gebieten stammten, als auch solche, die aus anderen Teilen Deutschlands, vor allem aus Berlin, hier versteckt worden waren. All diese Objekte wurden in speziellen Sammelstellen gelagert, wo sie sortiert  und  weitergeleitet wurden. Dort wurden auch Kulturgüter hingebracht, die von Landbesitzern im Rahmen der Agrarreform beschlagnahmt worden waren, sowie sog. „verlassenes Eigentum“, meist aus dem Eigentum  ermordeter polnischer Juden stammend. Zu den Sammelstellen in Warschau und Krakau wurden auch Transporte mit restituierten Kulturgütern aus dem besetzten Deutschland (vor allem aus der amerikanischen Zone dank der Aktivitäten von Karol Estreicher) und aus Österreich geleitet. Der Zeit- und Leistungsdruck sowie politische Direktiven, die in der Stalinzeit von 1948 bis 1955 besonders streng waren, führten dazu, dass die Provenienz vieler Werke verwischt wurde und historische deutsche Buchbestände auf viele Bibliotheken in Polen verteilt wurden.

Zwei Juristen – Prof. Benjamin Lahusen von der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder und Dr. Andrzej Jakubowski vom Institut für Rechtswissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften – wiesen im Zusammenhang mit dem NS-Raub von Kulturgütern und Provenienzforschungen auf die grundlegenden rechtlichen Rahmenbedingungen hin, die für den untersuchten Zeitraum und die ihm vorausgehenden Jahre der nationalsozialistischen Verfolgung gelten.

Prof. Lahusen erinnerte an die Vorschriften, die seit Hitlers Machtübernahme 1933 gegen so genannte Reichsfeinde, darunter vor allem gegen Juden, erlassen und an  die, die nach der Besetzung Polens im Generalgouvernement und den in das Reich eingegliederten polnischen Gebieten eingeführt wurden. Anschließend charakterisierte er die Restitutionsvorschriften der Alliierten in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands (1945–1949), beginnend mit der ihnen vorausgehenden Londoner Erklärung von 1943. Er schloss mit Informationen über zwei Gesetze, die in den 1950er Jahren von der Bundesrepublik verabschiedet wurden: das Entschädigungsgesetz (BEG) und das Restitutionsgesetz (BRüG) sowie das 1990 noch von der Volkskammer der DDR erlassene Vermögensgesetz.

Dr. Jakubowski ergänzte die Ausführungen von Prof. Lahusen zu den besetzten polnischen Gebieten unter anderem mit einer Beschreibung der Situation im von der UdSSR besetzten Ostpolen und wies auf Asymmetrien bei der Beraubung der  polnischen und der jüdischen Bevölkerung hin. Anschließend zeigte er auf, wie die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz die polnische Gesetzgebung in den Jahren 1945 und 1946 in Bezug auf „verlassenes, zurückgelassenes und postdeutsches Vermögen“ beeinflussten und nannte die Vorschriften zur Einführung des kommunistischen Systems über die Agrarreform und damit verbundener  Verstaatlichung der Kulturgüter sowie die Satellitenverträge der Volksrepublik Polen mit der UdSSR.  Abschließend skizzierte er kurz die Problematik der Restitution und Reparationen in Polen im Kontext der internationalen Rechtslage in den ersten Jahren des Kalten Krieges. 

Zum Abschluss dieses sehr inhaltsreichen Treffens wurden zwei bedeutende Fallstudien vorgestellt.

Prof. Gilbert Lupfer, langjähriger Erforscher der Dresdner Sammlungen und bis vor kurzem Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, skizzierte am Beispiel Dresdens die Geschichte der Kulturgüter in der sowjetischen Zone nach 1945. Dort kam es zu keinerlei Rückgabe von Eigentum, das den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung geraubt worden war. Stattdessen begann die Rote Armee unmittelbar nach der Eroberung Ostdeutschlands als Entschädigung für die Verluste und Zerstörungen, die die Deutschen auf dem Gebiet der UdSSR angerichtet hatten. Museumsstücke und Buchbestände massenhaft abzutransportieren. Aus den Dresdner Sammlungen wurden damals etwa 600.000 Musealien nach Leningrad und Moskau gebracht, ganz zu schweigen von Zehntausenden von Büchern aus der Landesbibliothek. Ein Großteil davon kehrte 1956 und 1958 nach Dresden zurück, als „vor Zerstörung und Plünderung aus den Museumsdepots gerettet”, wohin sie seit 1942 aus Sicherheitsgründen gebracht worden waren. Im Sommer 1945 wurden im Rahmen der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone Großgrundbesitzer enteignet und, ähnlich wie in Polen, auch ihre Schlösser, Gutshöfe und beweglichen Güter beschlagnahmt. Die Kunstwerke gelangten in Museen. Ihre ehemaligen Besitzer konnten erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands ihre Rückgabe beantragen.

Als letzte Rednerin sprach die stellvertretende Direktorin des Ossoliński-Nationalinstituts (ZNiO) in Wrocław, Dr. Dorota Sidorowicz-Mulak. Sie hat die Nachkriegsgeschichte des sog. Ossolineum, das in Lemberg/Lwów seit 1827 als private Stiftung des Grafen Józef Maksymilian Ossoliński tätig war, präsentiert. Die Ossolineum-Bibliothek umfasste am Ende des zweiten Weltkrieges über 700.000 Bände (darunter Manuskripte, Autographa und mehrere Zehntausend alte Drucke). Ein integraler Bestandteil des Ossoliński-Nationalinstituts war auch das Museum der Fürsten Lubomirski mit herausragenden Sammlungen polnischer und ausländischer Kunst, das die sowjetischen Behörden von Lemberg, das nach Kriegsende außerhalb der Grenzen Polens lag, in die ukrainischen Museumssammlungen eingliederten. Sidorowicz-Mulak stellte den Kampf der polnischen Einwohner von Lwów, die nach Breslau repatriiert wurden, sowie die Bemühungen der polnischen Kommunisten, die Bibliotheksbestände des Ossolineum nach Wrocław zu verlegen, und die Schwierigkeiten der sowjetischen Behörden der Ukraine, dar. Letztendlich gelangte 1946 und 1947 etwa ein Drittel des Bestands der Bibliothek des Lemberger Ossolineum nach Wrocław. Das seit 1995 in Polen als Stiftung eingetragenes  Ossoliński Nartionalinstitut  digitalisiert seit 2003 die in Lemberg verbliebenen Bestände und   arbeitet mit Lemberger Institutionen zusammen, unter anderem im Rahmen des Projekts „Das gemeinsame Erbe”.

Das dritte Estreicher Gespräch endete mit der gemeinsamen Überzeugung der polnischen und deutschen Teilnehmer, dass die dort behandelten Themen weiterverfolgt werden sollen.

Bericht zum vierten Treffen (November 2025)

Das vierte Estreicher Gespräche, das letzte im ersten Jahr des Projekt-Bestehens, fand am 6. November 2025 statt. Dieses Mal umfasste es den Zeitraum 1990–2025 und befasste sich mit der Entstehung und Entwicklung moderner Provenienzforschung in öffentlichen Sammlungen. Es wurden  internationale Perspektiven vorgestellt, wobei der Schwerpunkt auf Deutschland und Polen lag.

Eröffnet wurde das Treffen durch ein Gespräch zwischen Nawojka Cieślińska-Lobkowicz (Warschau–Berlin) und Dr. Uwe Hartmann (Berlin), beide langjährige Teilnehmer und Zeugen des diskutierten Prozesses. Der Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs führte dazu, dass in den 1990er Jahren Fragen des nach dem Zweiten Weltkrieg verlorenen oder verbrachten Kulturguts, seiner Suche und Rückgabe auf die politische Tagesordnung kamen (in den deutsch-polnischen Beziehungen sind dies übrigens einige der sensibelsten und bis heute ungelösten Fragen).

Die Öffnung der Grenzen und das Auslaufen beschränkender Regelungen in  Archiven führten zu Forschungen und Veröffentlichungen über die Anatomie und das Ausmaß des nationalsozialistischen Raubes von Kulturgütern sowie über den nach wie vor unvollständigen Prozess ihrer Nachkriegsrestitution. Damals wurden auch die vor der Welt geheim gehaltenen gigantischen Kriegsbeuten, die in  deutschen Museen und Bibliotheken lagerten, aufgedeckt. In Schweizer Banken wurden wiederum Hunderttausende „ruhende Konten“ von Holocaust-Opfern entdeckt. Ein Meilenstein für die Provenienzforschung im heutigen Sinne war die Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust im Dezember 1998 und die von den 44 teilnehmenden Staaten verabschiedeten Washingtoner Grundsätze zu den von den Nazis beschlagnahmten Kunstwerken, die 2009 durch die Theresienstädter Erklärung bestätigt wurden. Cieślińska-Lobkowicz sprach über die Bedeutung und Beispiele für die Umsetzung der Washingtoner Prinzipien in verschiedenen Ländern. Dr. Hartmann wiederum gab einen Überblick über deren Umsetzung in der Bundesrepublik Deutschland – beginnend mit ihrer Annahme durch die Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden in der Erklärung von 1999, die öffentliche Einrichtungen – darunter Museen und Bibliotheken – dazu verpflichtet, Provenienzrecherchen in ihren Sammlungen durchzuführen. Die Überwachung dieser Empfehlungen wurde in die Aufgaben der Koordinierungsstelle Kulturgutverluste in Magdeburg aufgenommen, während seit 2008 die Arbeitsstelle für Provenienzforschung beim Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz die Verteilung der Mittel und die Koordinierung der Provenienzrecherche übernommen hat. Im Jahr 2015 wurden beide Einrichtungen in die Stiftung Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) umgewandelt. Dessen Gründung ging der sogenannte Gurlitt-Skandal voraus, der mit der Aufdeckung einer bis dahin unbekannten Privatsammlung in München zusammenhing, die sich im Besitz des Sohnes eines der Kunsthändler Hitlers befand. Seitdem gilt Provenienzforschung in den eigenen Sammlungen als Pflichtaufgabe öffentlicher Einrichtungen. Das DZK verfügt neben seiner eigenen Tätigkeit über einen Pool an Fördermitteln für die Durchführung verschiedener Provenienzrecherchen: in einzelnen Institutionen, gemeinsamen Projekten mehrerer Institutionen wie auch in der  Zusammenarbeit privater und öffentlicher Einrichtungen und schließlich internationaler Forschungsprojekte. In den letzten Jahren wurde der Bereich der Provenienzforschung in deutschen öffentlichen Sammlungen um Objekte erweitert, die unrechtmäßig in der Sowjetzone und der DDR sowie im kolonialen Kontext erworben wurden.

Dr. Ute Haug von der Hamburger Kunsthalle berichtete über ihre langjährige Berufserfahrung als eine der ersten festangestellten MuseumsprovenienzforscherInnen in Deutschland. Im Jahr 2002 war sie Mitbegründerin einer ursprünglich aus wenigen Personen bestehenden Gruppe, die sich mit Provenienzforschung beschäftigte. Im Jahr 2014 wurde diese Gruppe in die Organisation Arbeitskreis Provenienzforschung umgewandelt, die heute über 600 Mitglieder zählt, die im Rahmen verschiedener Gruppen und thematischer Profile aktiv zusammenarbeiten. Haug wies auf den Zeitaufwand für die Provenienzforschung in Museen und das in diesem Zusammenhang häufig auftretende Problem der kurzfristigen Forschungsstipendien des DZK hin.

Dr. Petra Winter, seit Jahren Leiterin des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz (SMB PK), der 15 Museen und vier Museumsinstitute unterstehen, informierte die Teilnehmer des Treffens über die Provenienzrecherchen in den Sammlungen der einzelnen Museen. Diese führt Provenienzforschung zu „problematischen“ Museumsobjekten im Kontext des Kolonialismus, des NS-Raubs, der sowjetischen und DDR-Expropriationen sowie des illegalen Handels durch. In Bezug auf den NS-Raub sprach Winter über drei Forschungsbereiche. Der erste umfasst die systematische Untersuchung der gesamten Sammlungen eines bestimmten Museums und die Festlegung von Prioritäten, d. h. die Auswahl von Museumsobjekten oder Objektgruppen, deren Provenienz zuerst geklärt werden muss. Man begann mit Objekten, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden. Diese Arbeiten sind weitgehend abgeschlossen, allerdings läuft noch ein Pilotprojekt zu Auktionserwerbungen, die über verschiedene Kollektionen verstreut sind. Zu dem ersten Bereich gehört auch die Untersuchung von Museumsobjekten, die in der Nachkriegszeit erworben wurden. Diese wird derzeit für große Sammlungen durchgeführt. Der zweite Forschungsbereich betrifft einzelne Objekte und wird parallel durchgeführt, z. B. wenn es um ein Objekt geht, für das ein Anspruch geltend gemacht wird oder das erworben oder als Leihgabe oder Schenkung angenommen werden soll. Der dritte Tätigkeitsbereich der Abteilung betrifft die Kommunikation, d. h. die Information und Verbreitung der Forschungsergebnisse. Dies ist ein wichtiger Aspekt und wird durch Publikationen, vielfältige digitale Angebote, spezielle Veranstaltungen vor Ort, thematische Einbindung der Provenienzforschung in Ausstellungen sowie interne und externe Schulungen umgesetzt.

Dr. Dariusz Kacprzak, langjähriger wissenschaftlicher Direktor des Nationalmuseums Stettin und Autor wegweisender Monografien zur Provenienzforschung, präsentierte die wichtigsten polnischen Publikationen zum Thema Kriegsverluste in polnischen Sammlungen – darunter auch in den Vorkriegsmuseen von Breslau und Danzig – und wies darauf hin, dass diese aus Mitteln des Ministeriums für Kultur und Nationales Erbe gefördert werden. Deutlich weniger Beispiele bezogen sich auf Provenienzfroschung zu Beständen, die in der  Nachkriegszeit in polnischen Museen eingegangen sind. Einige dieser von der Gesellschaft oder Einzelpersonen ergriffenen Initiativen erwiesen sich als kurzlebig, sehr selten führten sie zu Veröffentlichungen. Während es schwierig ist, von systematischen Forschungen zu den eigenen Beständen in polnischen Museen zu sprechen, werden solche Untersuchungen in polnischen Bibliotheksbeständen in Bezug auf historische Büchersammlungen gelegentlich durchgeführt.

Die von der in Museen abweichende Vorgehensweise und Methodik der Provenienzforschung wurde von Dr. Meike Hoffmann beschrieben, die seit Jahren die Forschungsstelle “Enartete Kunst“ im Kunsthistorischen Institut an der Freien Universität Berlin leitet und dort Forschungsprojekte zu von Nationalsozialisten geraubten und verstreuten jüdischen Sammlungen durchführt. Diese Projekte gehen nicht von Objekten aus, sondern jeweils von einer einzelnen Sammlung und dem Versuch, diese anhand von Quellenangaben zu rekonstruieren. Sie beruhen auf der notwendigen Zusammenarbeit verschiedener Seiten: deutscher Institutionen, Nachkommen der Opfer der Verfolgung und privater Eigentümer. Ein wichtiger Aspekt ist die Einbringung wissenschaftlicher Erkenntnisse und akademischer Lehre in den öffentlichen Diskurs und das gesellschaftliche Bewusstsein.

Prof. Christian Fuhrmeister vom Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZIKG), dem einzigen außeruniversitären wissenschaftlichen Institut für Kunstgeschichte in Deutschland, stellte einige der dort durchgeführten Forschungsprojekte, Quellenarbeiten, wissenschaftlichen Publikationen, internationalen Initiativen bis hin zu Seminaren und Konferenzen zu ausgewählten Forschungsbereichen, darunter Kunsthandel, Rekonstruktion privater Sammlungen, Digitalisierung von Quellen, wie z. B. kommentierte Auktionskataloge aus den Jahren 1933–1945 und später vor. Diese Aktivitäten stehen im Zusammenhang mit methodologischen Fragen, der Erweiterung der Forschungsbereiche und ihrer Einbindung in einen breiteren Kontext der Geschichtswissenschaften.

Prof. Ewa Manikowska vom Institut für Kunst der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau sprach über das kürzlich dort von ihr gegründete Zentrum für Kulturerbe und Provenienzforschung. Es basiert auf der Überzeugung, dass die Untersuchung von Fragen des Eigentums und seiner Veränderungen in Bezug auf Kulturgüter, Sammlungen, Gebäude oder Orte zu Themen führt, die das kulturelle Erbe im weiteren Sinne und die soziale Identität der Gesellschaft ausmachen. Manikowska beobachtet in den letzten Jahren in Polen ein wachsendes Interesse an solchen Themen. Dies äußert sich unter anderem in vielen Veröffentlichungen, grenzüberschreitenden und interregionalen Projekten, neuen Forschungstrends über Erinnerungskultur, anthropologischen und kolonialen Studien usw. Belege für diese Prozesse waren Beispiele für konkrete Initiativen, Publikationsreihen und Themen von Master- und Doktorarbeiten.

Das vierte Estreicher-Gespräch hat sowohl die enorme Diskrepanz zwischen dem Stand der modernen Provenienzforschung in deutschen und polnischen öffentlichen Sammlungen als auch die Berechtigung und Notwendigkeit ihrer Fortsetzung in den kommenden Jahren deutlich gemacht. Die Estreicher-Gespräche sind eine wichtige Plattform für den Informationsaustausch und die Zusammenarbeit der deutschen und polnischen Forscher und gleichzeitig auch eine wertvolle Quelle des Wissens für die Öffentlichkeit beider Länder.