8.4.2026

23. Ost-West-Europäisches Gedenkstättentreffen Kreisau

Transformation und Dissens – Gedenken in Europa seit 1989

Erinnerung ist selten harmonisch: Sie ist konflikthaft, vielstimmig und von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen geprägt. Nach 1989/90 stießen in Gedenkstätten Ost- und Westeuropas Narrative über NS-Verbrechen und kommunistische Herrschaft aufeinander.

Diese Konflikte wurzeln im verordneten Antifaschismus der DDR und Osteuropas einerseits sowie in westdeutschen und westeuropäischen Deutungen des Nationalsozialismus, die die kommunistischen Verbrechen lange marginalisierten. Das Ringen um die Shoah-Erinnerung und das Gedenken an die stalinistischen Massenverbrechen war geprägt von Aushandlungsprozessen und führte zu neuen Debatten über bislang übersehene Opfergruppen. 

Erinnerung geht nicht in Konsens auf, sondern ist von Dissens geprägt – produktiv, wenn er sichtbar wird und Debatten anstößt. Die Gedenkstättentagung 2026 richtet den Blick auf die Transformation europäischer Gedenk- und Lernorte nach 1989/90 und fragt: 

Wie veränderten sich Narrative, Orte und Museen seit 1989? Wie kontrovers wurden diese Umbrüche vor Ort und in den Gesellschaften diskutiert? Welche Konflikte prägten sie, und wie werden diese in der eigenen Gedenkstättengeschichte reflektiert, kuratiert oder in der Bildungsarbeit produktiv gemacht – oder eher tabuisiert?

Die Tagung bewegt sich auf einem Feld, das entscheidend von den Memory Studies geprägt wurde. Das heißt, die jeweiligen Narrative und musealen Darstellungen werden anhand interdisziplinärer Instrumentarien dahingehend befragt, wie die Vergangenheit in der Gegenwart erinnert wird. Welche individuellen, kollektiven und nationalen Erinnerungen entstehen in welchen Kontexten und prägen die jeweiligen Narrative? Wer übt Macht über die Bedeutungszumessung aus? Wie wird entschieden, welche Narrative bestimmend sind?Erinnerungskultur wird nicht nur von Regierungen und Institutionen geprägt, sondern ebenso von zivilgesellschaftlichen Akteuren – Opferverbänden, NGOs und sozialen Bewegungen. 

Die Debatten über Erinnerungsnarrative sind selbst eine Form demokratischer Teilhabe: konfliktreich, aber gerade dadurch lebendig. Es geht dabei um die Spannungsverhältnisse zwischen Erinnern und Vergessen sowie um die Anerkennung von Vielfalt, ohne Leid zu relativieren.Seit 1989/90 sind zu den Demokratisierungen der Erinnerungskultur in Europa und der Sichtbarmachung bislang marginalisierter Erfahrungen neue Themen hinzugekommen. Heute zeigen sich Tendenzen, Konflikte zu befrieden oder als produktiven Streit zu nutzen. 

Besonders sichtbar wird dies im Konzept der multidirektionalen Erinnerung: In Kreisau wollen wir diskutieren, wie verschiedene Gewalterfahrungen – Holocaust, Stalinismus, Kolonialismus – nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich wechselseitig erhellen können. Diese theoretischen Einsichten sind für die Gedenkstättenpraxis höchst relevant. Mitarbeiter in Museen und Gedenkstätten stehen tagtäglich vor der Aufgabe, Geschichte multiperspektivisch sichtbar zu machen, konkurrierende Deutungen anzubieten und Besuchern einen Zugang zu ermöglichen, der historische Differenzierung leistet und Komplexität sichtbar macht. Die Tagung in Kreisau möchte die Teilnehmer darin stärken, diesen Herausforderungen nachzugehen und dabei West-, Ost- und Mitteleuropa gleichermaßen zu berücksichtigen. 

Bis 1989 dominierten in Ost wie West die Erinnerung an die NS-Verbrechen die Erinnerungskultur und -politik. Erst nach dem Untergang der kommunistischen Regime nach 1990 konnten darüber hinaus die Erfahrungen mit den kommunistischen Diktaturen thematisiert werden. Das Ost-West-Europäische Gedenkstättentreffen in Krzyżowa/Kreisau richtet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Erinnerungsorten, Museen, Gedenkstätten, Bildungszentren, Menschenrechtsorganisationen oder Zeitzeugenprojekten. 

Anliegen des Gedenkstättentreffens ist das Kennenlernen sowie der Austausch von Wissen und Erfahrung. Wir laden dazu ein, die nationalen und regionalen Narrative und ihren Einfluss auf das jeweilige Verständnis von der Geschichte des 20. Jahrhunderts gemeinsam zu diskutieren. Wir hoffen, mit einem freien Meinungsaustausch über Wahrnehmungsmuster und Tendenzen unter den Teilnehmern aus unterschiedlichen Ländern einen Beitrag zum tieferen Verständnis und zur Versöhnung in Europa leisten zu können. Das Gedenkstättentreffen hat eine lange Tradition und wir freuen uns, dass wir auch weiterhin zum Diskurs über Wahrnehmung und Erinnerung sowie über die Darstellung von Geschichte und Vergangenheit in den Ländern Ost- und Westeuropas einladen können. Das Seminar ist stark praktisch orientiert und keine wissenschaftliche Konferenz. Wir legen Wert auf den informellen Austausch: offene Gespräche und Reflexionen charakterisieren die Gedenkstättentreffen in Kreisau.

Das Treffen wird simultan Deutsch, Englisch, Polnisch und Russisch gedolmetscht.

Eine Kooperation der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, des Deutsch-Polnischen Hauses, der Evangelischen Akademie zu Berlin, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Vorläufiges Programm

Mittwoch, 08. April 2026  

bis 17.00: Ankunft und Anmeldung (Rezeption, Gebäude Kuhstall)
17.00: Geführte Besichtigung des Geländes (Treffpunkt: Gebäude Kuhstall)
18.30: Abendessen
19.30 Begrüßung und Einführung in das Gedenkstättentreffen durch die Veranstalter (Multifunktionssaal, Gebäude Scheune)
Interaktive Vorstellung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (Turbopräsentationen)
Im Anschluss: Freie Zeit für Gespräche (Café U Hrabiego, Gebäude Kuhstall)

Donnerstag, 09. April 2026

08.00 Frühstück

09.00 – 10.00 Keynotes:
Dr. Andrea Genest, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
dr Jacek Konik, Muzeum Niepodległości, Warszawa


10.00 – 10.15: Kaffeepause


10.15 – 11.45: Panel I – Orte des Dissenses: Gedenkstätten in Vergangenheit und Gegenwart
Das erste Panel widmet sich Orten des Dissenses – Gedenkstätten mit dem Thema: mehrfache Diktaturvergangenheit und Aufarbeitung stehen im Zentrum. Dabei werden Konflikte, Dissens, aber auch konstruktiver Austausch und Konfliktlösungen ins Zentrum der Diskussion gestellt. Anhand von konkreten Beispielen aus dem Praxisfeld – Museum, Gedenkstätte, Dokumentationszentrum – in Europa wird das Thema aus verschiedenen Perspektiven diskutiert.


Christoph Meissner, Museum Berlin-Karlshorst
Dr. Aliaksandr Dalhouski, Minsk-Geschichtswerkstatt/IBB
Dr. Joanna Ostrowska, Uniwersytet Jagielloński, Krakow
Susanne Schade, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin


12.00 – 13.00 Mittagspause


13.00 – 14.30 Panel II – Rolle der Zivilgesellschaft und Erinnerungskultur
Das zweite Panel untersucht die Rolle der Zivilgesellschaft in Ost- und Westeuropa: NGOs, Bürgerinitiativen und Public Historians prägen Erinnerung, versuchen dabei aber auch, Konflikte mit staatlichen Institutionen einzubeziehen. Der Blick richtet sich nicht nur auf die Zivilgesellschaft als Gegenstand von Ausstellungen an Gedenkstätten und Dokumentationszentren. Gleichzeitig werden auch die Perspektiven der unmittelbaren Nachkriegszeit, der 68er-Bewegung, der staatlichen Opposition im kommunistischen Herrschaftsbereich bis hin zu postmigrantischen Communities miteinbezogen, die auf individuelle Weise Deutungshoheit und Mitsprache einforder(t)en.

Zbigniew Gluza, Fundacja Ośrodka KARTA, Warszawa
Jutta Weduwen, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.
Dr. Julia Wohlrab, Dokumentationszentrum Nationalsozialismus, Freiburg
Hanna Lehun, Arolsen Archives, Bad Arolsen
Anna Krenz, Kollektiv Dziewuchy, Berlin

14.30 – 14:45: Kaffeepause


14:45 – 16:15 Panel III – Generationen, Narrative und Identitäten: Sowjetische Lager als Erinnerungsorte nach 1990
Das dritte Panel stellt Generationen, Narrative und Identitäten in den Vordergrund und beleuchtet, wie unterschiedliche Generationen Perspektiven auf das Thema sowjetische Internierung nach 1945 setzen. Welche Herausforderungen gab es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges? Welche Herausforderungen sind beim Themenkomplex Opfer sowjetischer Gewaltherrschaft nach 1989/90 und dem Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa hinzugekommen?

Dr. hab Bogusław Kopka, Uniwersytet Komisji Edukacji Narodowej, Kraków
Katharina Bergmann-Pfleger, Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, Graz
Evita Feldentale, Latvijas Okupācijas muzejs, Riga
Dr. Elke Stadelmann-Wenz, Gedenkstätte Hohenschönhausen, Berlin
Dr. Petra Haustein, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

16.15 – 16.30: Kaffeepause


16.30 – 18.30: World Café – Workshop KI und Gedächtnis
Künstliche Intelligenz wird im musealen Bereich und an Gedenkstätten bewusst genutzt und eingesetzt, aber es gibt auch Fallstricke. Dabei geben die Referenten Beispiele aus ihrer täglichen Arbeit. Im World-Café-Format werden sowohl Chancen und Möglichkeiten als auch Hindernisse und Risiken beim Umgang mit Künstlicher Intelligenz und Bildmaterial, Dokumenten und Objekten diskutiert.
 

Paweł Sawicki, Państwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim
Dr. Ulrich Mählert, Bundesstiftung Aufarbeitung
Michael Gordon, Filmuniversität Babelsberg 
Konrad Wolf, Potsdam
dr Marcin Wilkowski, Uniwersytet Warszawski
Konstantin Schönfelder, Zentrum verantwortungsbewusste Digitalisierung, Darmstadt
Prof. Dr. Renana Keydar, Hebrew University

19.00: Abendessen
Abends: Freie Zeit für Gespräche

Freitag, 10. April 2026

08.00: Frühstück
 

09.00 – 10.30: Panel IV – Transnationaler Blick
Das vierte Panel bietet einen transnationalen Blick auf Erinnerungskulturen. Dabei soll diskutiert werden, wie unterschiedlich die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit in West- und Osteuropa bis heute ist. Debatten um den 23. August als europäischen Gedenktag, Geschichte oder Erinnerungspolitiken und ihre jeweilige Prägung stehen im Fokus der Diskussion.


Bas Kortholt, Westerbork
Oliver Gaida und Laura Stöbener, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Dr. Anette Homlong-Storeide, Stiftelsen Falstadsenteret, Ekne
Dr. Maria Kaminska, Palmiry Muzeum Warszawa
Simina Badica, Haus der Europäischen Geschichte, Bruxelles


Ab 11.00: Exkursion Zamek Książ i Palmiarnia – Schloss Fürstenstein als Erinnerungsort: Stollen, NS-Zwangsarbeit und Projekt Riese
 

Adam Kerpel-Fronius, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Samstag, 11. April 2026

9.30 – 11.00: Panel V – Zukunft der Erinnerung
Das Panel thematisiert, wie geopolitische Veränderungen in Europa und der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine die Erinnerungskultur verändern und Gedenkstätten vor neue Chancen und Herausforderungen stellen. Wie kann die Zukunft der Erinnerung in Europa aussehen? Was sind wichtige Fragestellungen für die europäischen Erinnerungskulturen in der Gegenwart? Und wo können Gedenkstätten und Erinnerungsorte voneinander lernen?

Nicolas Moll, Memory Lab, Sarajevo
Irina Radchenko, Holoaust Remembrance Center, Dnipro
Marius Peculius, Fort IX, Kaunas
Alla Stashekvich, Belarusian Institute of Heritage, Warzawa
Lena Casiez, Camp des Milles, Aix-en-Provence

11.30: Abfahrt (Bus nach Berlin)

Bundesstiftung Aufarbeitung Logo

Ein stilisiertes Haus, durch das ein grober, roter Pinselstrich geht. Darunter steht "Deutsch-Polnisches Haus".

Logo der BKM